
Dreißig Positionen, zwei Namen
In der letzten Geschichte ging es um das Ergebnis. Um Leyla Yenirce, die den Kunstpreis der SPD-Landtagsfraktion Niedersachsen 2026 bekommt, und um elf Menschen, die gemeinsam entschieden haben. Diese Geschichte geht einen Schritt zurück. Sie erzählt von den Wochen davor, in denen noch gar nichts entschieden war.
Jedes Jurymitglied durfte bis zum 22. Juni einen Vorschlag einreichen, höchstens zwei. Das klingt nach wenig Arbeit, zwei Namen hat man schnell im Kopf. Aber ich saß dort nicht für mich. Ich saß dort für den BBK Niedersachsen, und damit für sehr viele Künstlerinnen und Künstler in diesem Land. Eine Stimme in der Jury ist nur so gut wie die Arbeit davor.
Bevor ich nach Namen gesucht habe, habe ich mir den Preis selbst angeschaut. Seit 1988 wird er vergeben, bis 2025 genau 36 Mal, 1991 und 2022 gab es keine Vergabe. Neun dieser 36 Preise gingen an Frauen, also ein Viertel. Seit 2016 sieht es anders aus, da waren es vier von neun. Grundlage war die vollständige Liste der Preisträgerinnen und Preisträger, die uns die Fraktion zur ersten Sitzung am 28. Mai mitgegeben hat.
Dazu kamen Zahlen, die mit dem Preis nichts zu tun haben und doch sehr viel. Die Studie „Von der Kunst zu leben“ des BBK-Bundesverbands von 2025 zeigt: 90 Prozent der Bildenden Künstlerinnen und Künstler verdienen unter 20.000 Euro im Jahr. Wer über einen Preis für die Mitte einer Laufbahn mitentscheidet, sollte wissen, wie diese Mitte im Alltag aussieht.
Dann die eigentliche Suche. Wo findet man Künstlerinnen und Künstler, die in Niedersachsen leben, arbeiten oder ausstellen und in der Mitte ihres Weges stehen? Am Ende waren es 24 Quellen: die Jahresstipendien des Kulturministeriums, der Sprengel-Preis der Niedersächsischen Sparkassenstiftung, die Herbstausstellung des Kunstvereins Hannover, die Hochschule für Bildende Künste Braunschweig, Ausstellungen der Museen in Oldenburg und Osnabrück und die Mitgliederverzeichnisse der BBK-Bezirke in Hannover, Braunschweig, Lüneburg und Südniedersachsen.
Dabei galt eine feste Reihenfolge. Offizielle Stellen zuerst, dann Verbände, dann die eigene Website der Künstlerin oder des Künstlers, Social Media zuletzt. Jede Angabe bekam ihre Quelle, und was sich nicht belegen ließ, blieb als offen markiert. Auch der Bezug zu Niedersachsen wurde gewichtet. Wer hier lebt und arbeitet, zählt mehr als jemand, der hier einmal ausgestellt hat oder hier geboren wurde.


Nach der ersten Runde standen über dreißig Positionen auf meiner Liste. Zu viele, um sie ernsthaft zu vergleichen, und zu viele, um sie einfach wegzustreichen. Also habe ich Prüffragen formuliert, acht Stück. Hat die Arbeit eine eigenständige Bildsprache? Ist die Position unverwechselbar? Wie stark ist der Bezug zu Niedersachsen? Steht jemand wirklich in der Mitte des Weges, oder ist die Vita schon vollendet? Und ist ein Preis gerade jetzt eine sinnvolle Förderung?
Aus über dreißig Positionen wurden sechzehn. Zu jeder gab es eine Seite mit Werkbild, Ort, Medium und belegten Stationen, dazu die Angabe, ob die Person im BBK organisiert ist. Bei zehn der sechzehn war das so, verteilt auf fünf Bezirke. Die Namen bleiben hier draußen. Sie gehören in die Jury und nicht ins Netz.


Das alles ist nicht allein an meinem Schreibtisch entstanden. Ich war in Vertretung für Dagmar Schmidt in der Jury, unsere Vorsitzende im BBK Niedersachsen, und der Landesverband sollte jederzeit wissen, wo wir stehen. Nach der ersten Sitzung ging am 2. Juni ein Sachstand an sie: wer in der Jury sitzt, was beschlossen wurde und wie es weitergeht.
Und zwischen den einzelnen Phasen haben wir uns in Hannover immer wieder persönlich abgestimmt, über den Stand der Recherche und über unsere eigene Auswahl. Das hat Zeit gekostet, und es war richtig so. Ich saß dort für den Verband, also habe ich mit dem Verband gesprochen. Auf dem Deckblatt der Vorauswahl steht deshalb auch dieser eine Satz: zusammengestellt in Vertretung für Dagmar Schmidt.
Eine Seite aus meinem ersten Dossier mag ich bis heute besonders. Sie hat keine Antworten, nur zehn Fragen. Warum wurde 1991 kein Preis vergeben? Was heißt Mitte einer Laufbahn, wenn es keine Altersgrenze gibt? Reicht es, in Niedersachsen auszustellen, oder muss man hier leben? Einige davon hat die erste Sitzung beantwortet.
Recherche heißt eben auch, ehrlich zu markieren, wo das Wissen aufhört. Zu wissen, was man nicht weiß, gehört dazu.

Zwei Namen habe ich schließlich eingereicht. Am 2. Juli lagen sie neben den Vorschlägen der anderen, und der Preis ging an eine Position, die ich nicht vorgeschlagen hatte. Das war kein Scheitern der Recherche. Ich konnte in der Sitzung mitreden, weil ich wusste, wie die Lage in Niedersachsen aussieht.
Was mich an dieser Arbeit am meisten beschäftigt hat, sind die vielen, die am Ende nicht auf dem Tisch lagen. Ich habe ihre Websites gelesen, ihre Stationen nachgezeichnet, ihre Arbeiten angeschaut. Diese Gründlichkeit schuldet man auch denen, die man nicht vorschlägt. Am 6. Oktober wird der Preis im Sprengel Museum Hannover übergeben, und ich freue mich darauf.