Die Einladungskarte zur Preisverleihung auf dem Schreibtisch, darauf ein Gemälde von Leyla Yenirce mit Frauenporträts in Blau
Kunstpreis · Geschichte 15 · 9. September 2026

Elf Blickwinkel, eine Stimme

GedankeBegegnung
Diese Geschichte knüpft an: Der Garten hat in Finnland angefangen. Hier wächst das zweite Beet.
Gedanke

Dieser Garten hat im Juli in Hämeenlinna angefangen, als Magazin für zwei Wochen Residenz. Schon damals stand in der Einleitung, dass er weiterwachsen soll, auch über Finnland hinaus. Jetzt ist es so weit. Das zweite Beet hat mit Kunst zu tun, aber nicht mit meiner eigenen. Es geht um das Mitentscheiden.

Kunst zu machen ist das eine. Über Kunst mitzuentscheiden ist etwas ganz anderes. In diesem Jahr durfte ich beides zusammendenken, als Mitglied der Jury des Kunstpreises der SPD-Landtagsfraktion im Niedersächsischen Landtag, entsandt vom BBK Niedersachsen. Diese Geschichte erzählt, wie das war. Nicht, wer sonst noch im Gespräch war, das bleibt in der Jury. Aber wie so eine Entscheidung entsteht, und wer am Ende den Preis bekommt.

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Kunst zu machen ist das eine. Über Kunst mitzuentscheiden ist etwas ganz anderes.
Gemälde Grün: Schwarzweiße Siebdrucke von Frauengesichtern, eine Frau singt ins Mikrofon, darüber Farbspuren in Gelb, Türkis und Rot
Leyla Yenirce, Grün, 2025, Öl und Siebdruckfarbe auf Leinwand, 240 x 200 cm © Leyla Yenirce, Courtesy the artist and Capitain Petzel, Berlin, Foto: Gunter Lepkowski
Porträt von Leyla Yenirce, sie lehnt an einer rauen, fleckigen Wand und schaut seitlich in die Kamera
Porträt Leyla Yenirce, Foto: Katja Ruge
Spur

Vom 18. April bis zum 23. August 2026 zeigte das Landesmuseum Kunst & Kultur Oldenburg im Augusteum ihre erste museale Einzelausstellung, „Werdegang“. Sie kehrte damit in die Stadt zurück, in der sie ihr erstes Zuhause in Deutschland fand. Im Zentrum eine Gemäldereihe mit Frauen, die sie geprägt haben, die Schriftstellerin Natalia Ginzburg ist darunter, und ihre frühere Deutschlehrerin. Per Siebdruck tauchen sie auf den großen Ölbildern auf, am Mikrofon, singend, applaudierend. Ein Chor der Frauen.

Mitten in der Ausstellung hing auch ein Hauptwerk aus der Sammlung des Hauses, Ernst Ludwig Kirchners „Der Wanderzirkus“, gleichberechtigt neben Wandzeichnungen, die fast jugendlich wirken. Und es gab einen ganz heutigen Blick auf Oldenburg. Für die Videoarbeit „Spotlight“ ließ sie ihren Bruder, einen leidenschaftlichen Läufer, nachts durch die Straßen der Stadt rennen, nur mit einer Stirnlampe. Ein kleiner Lichtpunkt, der keine Richtung vorgibt und nie stehen bleibt. Gehen als Werden: durch Oldenburg hindurch, oder aus Oldenburg hinaus in die Welt und wieder zurück. Genau dieser Bezug, die Welt und Oldenburg in einem Werk, hat die Jury überzeugt.

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Der Titel ist wörtlich gemeint. Werden heißt gehen.
Das rosafarbene Ausstellungsplakat mit dem roten O des Landesmuseums, einem Gemälde mit Frauenporträts und dem Titel Leyla Yenirce Werdegang, 18.4. bis 23.8.26
Plakatmotiv „Leyla Yenirce. Werdegang“, Landesmuseum Kunst & Kultur Oldenburg © Leyla Yenirce, Courtesy die Künstlerin und Capitain Petzel, Berlin
Ausstellungsraum mit Holzboden, links eine Wandtafel mit der Überschrift Chor der Frauen, an den Wänden große Gemälde in Blau und Orange
Ausstellungsansicht „Leyla Yenirce. Werdegang“, Landesmuseum Kunst & Kultur Oldenburg, 2026 © Leyla Yenirce, Courtesy die Künstlerin und Capitain Petzel, Berlin, Foto: Sven Adelaide
Langer Ausstellungsgang mit Holzdielen, an der linken Wand großformatige Gemälde mit blauen und orangen Siebdruckporträts
Ausstellungsansicht „Leyla Yenirce. Werdegang“, Landesmuseum Kunst & Kultur Oldenburg, 2026 © Leyla Yenirce, Courtesy die Künstlerin und Capitain Petzel, Berlin, Foto: Sven Adelaide
Dunkler Raum mit großer Projektion: eine nächtliche Straße, verwischte Lichter und ein heller Lichtkegel auf dem Asphalt
Leyla Yenirce, Spotlight, 2026, Ein-Kanal-Video, Ausstellungsansicht Landesmuseum Kunst & Kultur Oldenburg, 2026 © Leyla Yenirce, Foto: Sven Adelaide
Eine lange Reihe keramischer Zylinder auf einem weißen Wandbord, auf jedem dasselbe Foto einer gehenden jungen Frau
Leyla Yenirce, Der Sprung, 2026, Keramik, Ausstellungsansicht Landesmuseum Kunst & Kultur Oldenburg, 2026 © Leyla Yenirce, Foto: Sven Adelaide
Mit Leyla Yenirce ehren wir eine junge Künstlerin, die bereits ein beeindruckendes Werk vorlegen kann, in dem unterschiedliche Bildquellen, historische Bezüge und eigene Beobachtungen zu neuen Zusammenhängen verknüpft werden. Mit ihrer Auseinandersetzung mit Repräsentationen von Widerstand und Machtgefügen gehört sie zu den wichtigsten künstlerischen Stimmen ihrer Generation.“
Aus der Begründung der Jury, Pressemitteilung der SPD-Landtagsfraktion, 2. September 2026
Gedanke

Am 28. Mai saßen wir zum ersten Mal zusammen, im Erweiterungsgebäude des Landtags an der Leinstraße, einige per Video. Elf Menschen aus Museen, Hochschulen, Kunstvereinen und dem Verband, dazu die Abgeordneten der Fraktion und die Kolleginnen, die das alles organisieren. Am Tisch saßen Anne Prenzler von der Städtischen Galerie KUBUS in Hannover, die den Vorsitz übernahm, Eva Birkenstock von der Kestner Gesellschaft, Christoph Platz-Gallus vom Kunstverein Hannover, Anna Heinze vom Landesmuseum Kunst und Kultur Oldenburg, Ina Grätz von der Kunsthalle Emden, Nils-Arne Kässens vom Museumsquartier Osnabrück, Carolin Knüpper vom Kunstverein Wolfenbüttel, dazu Anette Haas von der Leibniz Universität Hannover, Monika Steinberg von der Hochschule Hannover und Rahel Puffert von der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig. Und ich, für den BBK Niedersachsen.

An diesem Abend wurde der Preis neu gedacht. Seit 1988 wird er vergeben, als einziger Kunstpreis einer Landtagsfraktion in Deutschland, dotiert mit 5.500 Euro. Lange ging er an Lebenswerke. Jetzt soll er in die Mitte schauen: auf Künstlerinnen und Künstler, die keine Neulinge mehr sind und noch nicht etabliert. Für den Nachwuchs gibt es Stipendien, für das Lebenswerk Ehrungen. Die Mitte einer Laufbahn ist der Ort, an dem die wenigsten Preise hinschauen. Dazu ein Bezug zu Niedersachsen, leben, arbeiten oder ausstellen, ohne Wohnsitzpflicht. Zuerst die künstlerische Qualität, dann der Blick auf die Person. Und der ausdrückliche Wunsch nach weiblichen Perspektiven, weil sie in den Preislisten der letzten Jahrzehnte fehlen.

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Die Mitte einer Laufbahn ist der Ort, an dem die wenigsten Preise hinschauen.
Ein inspirierender, transparenter, offener und konstruktiver Austausch.“
Anne Prenzler, Vorsitzende der Jury, über die Sitzung. Pressemitteilung der SPD-Landtagsfraktion, 6. Juli 2026
Abendlicher Gang durch Hannover, klassizistische Fassade mit Säulen, danach die aufgeschlagenen Jury-Unterlagen auf dem Tisch
Bewegtbild · 0:12
Spur · Der Weg zur Sitzung, und die Unterlagen, die mitkamen.
Begegnung

Am 2. Juli saßen wir wieder im Landtag, wieder einige zugeschaltet. Auf dem Tisch lagen die Vorschläge aller Jurymitglieder, jeder mit Bildern, Lebenslauf und Begründung. Ich hatte mir für jede Position ein Blatt gemacht, mit den Kriterien vom Mai als Maßstab. Man geht anders in so eine Sitzung, wenn man weiß, dass die eigenen Namen nur zwei von vielen sind.

Was mich an diesem Abend am meisten beeindruckt hat, war kein einzelnes Argument. Es war, wie elf sehr verschiedene Blickwinkel sich langsam zu einer Stimme sortiert haben. Ein Museum sieht Sammlungen, eine Hochschule sieht Lehre, ein Kunstverein sieht Ausstellungen, der Verband sieht Lebensrealität. Am Ende stand ein Name, den ich nicht gesetzt hatte. Und ich stehe dahinter. Genau darin liegt für mich der Reiz einer Jury: Man gibt etwas ab und bekommt etwas Größeres zurück.

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Elf Blickwinkel, und am Ende eine Stimme.
Begegnung

Die Einladung liegt seit ein paar Tagen auf meinem Schreibtisch. Auf der Karte ist eines ihrer Bilder abgedruckt, dieser Chor aus Frauengesichtern in Blau, und darunter steht klein die Zeile mit ihrem Namen und der Galerie. Am 6. Oktober wird der Preis im Sprengel Museum in Hannover übergeben. Ich werde dort sein, mit der Kamera in der Tasche. Diese Geschichte bekommt danach ihr letztes Kapitel: den Abend, die Übergabe, und hoffentlich ein Gespräch mit der Künstlerin.

Gedanke

Was bleibt, ist zunächst etwas sehr Praktisches: Der BBK sitzt in dieser Jury, und er wird auch in den nächsten Jahren dort sitzen. Ein Verband, der nur Forderungen stellt, wird überhört. Ein Verband, der mitarbeitet, wird gefragt. Das ist für mich der Kern meiner Arbeit im Landesvorstand: nicht neben den Entscheidungen zu stehen, sondern an den Tischen zu sitzen, an denen sie fallen.

Und etwas Persönliches. Ich habe in diesen Wochen mehr niedersächsische Kunst gesehen als in den Jahren davor. Ich habe gelernt, wie ein Museum denkt und wie eine Hochschule argumentiert. Und ich habe gemerkt, dass Mitentscheiden zur künstlerischen Arbeit dazugehört. Wer Kunst macht, sollte ab und zu auch darüber mitreden, wer gesehen wird. Das zweite Beet ist angelegt. Es wird weiterwachsen.

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Mitentscheiden gehört zur künstlerischen Arbeit dazu.