Elf Blicke auf denselben Mann
Am Nachmittag war ich in Anus Galerie eingeladen, und schon der Weg dorthin ist besonders: eine kleine Galerie unter Straßenniveau, hinein durch einen schmalen Treppengang. Man wird hier so warm empfangen, wie man es selten erlebt, und weiß sofort, dass zuerst gelacht und dann nachgedacht wird.
Was hier hängt, ist die 16. Jahresausstellung der Skarpit, der Gilde der finnischen Karikaturisten und Pressezeichner. Einmal im Jahr küren die Mitglieder eine Person zur Karikatur des Jahres, auf Finnisch zum karikatyyppi, ein Wort, das die Zeichner selbst erfunden haben und das inzwischen offiziell im Finnischen steht. In diesem Jahr fiel die Wahl auf Präsident Alexander Stubb.
An einer Säule steht es schwarz auf weiß, und daneben läuft Stubb als kleiner Sportler mit Startnummer über den Globus und schwingt zugleich den Golfschläger. Wer die finnische Politik dieses Jahres verfolgt hat, versteht das sofort. Stubb ist zur europäischen Stimme im Weißen Haus geworden, hat mit Donald Trump Golf gespielt und dabei Politik gemacht. Das Schöne ist, dass fast jeder in der Gruppe denselben Mann zeichnet und ihn doch völlig anders sieht.
Am meisten fasziniert hat mich Erkki Kangas. Von weitem sieht man nur die Kontur, ein Gesicht, einen bekannten Menschen. Erst ganz nah erkennt man, woraus die Linien wirklich bestehen. Seinen Wolodymyr Selenskyj hat er nicht aus Strichen gebaut, sondern aus hunderten winziger Patronen und Patronenhülsen, dicht an dicht. Darunter steht Selenskyjs berühmter Satz aus den ersten Kriegstagen, dass er Munition brauche und keine Mitfahrgelegenheit.
Er erzählte mir, dass genau das seine Handschrift sei und dass er sehr gern so arbeite. Einen bekannten Mann aus dem finnischen Fußball hat er auf dieselbe Weise ganz aus kleinen Bällen zusammengesetzt, alles nur in Schwarz und Weiß. Das eigentlich Interessante, sagte er, liege im Detail, in der Frage, aus welchem Element ein Bild gemacht ist.
Kurz darauf kam sein Kollege Timo Filpus dazu, und dessen Arbeiten könnten kaum anders sein. Er zeichnet vor allem Menschen aus Popkultur und Musik. Er erzählte mir eine Geschichte aus dem Jahr 2021. Damals saß er während eines Zeitungsinterviews mit den Scorpions im Raum und zeichnete die Bandmitglieder live, den Bandleader und den Gitarristen, während sie sprachen.
Seine Porträts wirken teils fast fotorealistisch und haben zugleich stark überzeichnete Proportionen, in diesem Fall riesige Köpfe. Gekauft hat am Ende keiner der Musiker ein Bild. Aber allein die Möglichkeit, sie im Gespräch zu zeichnen, war für ihn eine besondere Erfahrung.
Mein Anker in dieser Ausstellung war wieder Tommi Lundberg, den ich schon am Tag zuvor gemeinsam mit Tuire getroffen hatte. Gestern ging es vor allem um seine Aquarelle und seine übrige Malerei. Heute zeigte sich eine ganz andere Seite. Auch Tommi gehört zu dieser Gruppe, und seine Karikaturen unterscheiden sich deutlich von allem, was ich bisher von ihm kannte.
Einige entstehen in Öl, mit warmen, goldbraunen Hintergründen. Am liebsten zeichnet er Menschen aus der Musik. Seine Figuren haben sehr eigene Köpfe, große Stirnen, lange Nasen, kräftige Kinne, dazu auffallend kleine Körper. Die Bilder sind humorvoll und zugleich handwerklich ausgesprochen fein.
Überhaupt war die Spannweite erstaunlich. Sie reichte von der reduzierten Zeitungszeichnung, die mit wenigen Strichen auskommt, bis zur fast fotorealistischen Malerei. Bei manchen Arbeiten steht die politische Aussage im Vordergrund, bei anderen die reine handwerkliche und malerische Qualität.
Auffällig war, wie intensiv sich die ganze Gruppe mit der finnischen Politik beschäftigt. Neben Stubb tauchte immer wieder der frühere Präsident Sauli Niinistö auf, einmal ganz zärtlich mit seinem Hund Lennu, der während seiner Amtszeit halb Finnland gehörte. Der Geehrte darf sich aus der Ausstellung ein Bild als Geschenk aussuchen, und so war auch Stubb eingeladen. Zeit hatte er nicht, was in diesem Hochsommer niemanden wundert, denn in Finnland scheint gerade überall Urlaub zu sein.
Sehr schön war das Wiedersehen mit Anu, der herzlichen Rahmenmacherin, bei der schon am Vortag der Kreis begonnen hatte. Viele der Arbeiten hatte sie selbst gerahmt, und während der Eröffnung ließ sie es sich nicht nehmen, das eine oder andere Bild noch einmal sorgfältig gerade zu hängen.
Sie hat mich gleich zur nächsten Ausstellung eingeladen, die schon morgen beginnt. Überhaupt wird man hier auf eine Weise aufgenommen, die ich sehr mag, warm, offen, persönlich. Am Ende bleibt das Bild einer kleinen Galerie unter der Erde, in der elf Menschen mit spitzer Feder auf ihr Land schauen, und das Gefühl, für einen Nachmittag ganz selbstverständlich dazuzugehören.
Elf Blicke auf denselben Mann, und ein Nachmittag voller Wärme.“Notiz aus der Galleria RaamiDaamit, Hämeenlinna