Zehntausend Schritte am Tag
In den letzten Wochen bin ich fast jeden Tag um die zehntausend Schritte durch Hämeenlinna gelaufen. Ich habe mich von meiner Intuition treiben lassen und die Stadt auf meine Weise entdeckt, mit der Mittelformatkamera, die mich ständig begleitet. Zwischendurch kurze Ausflüge mit Terho, der Fotografen-Legende der Stadt, danach wieder allein, mit Musik auf den Ohren. Ich liebe es, ohne Plan und Ziel unterwegs zu sein und mich nur auf das Gefühl und das Sehen zu konzentrieren. Je weniger ich plane und vorgebe, desto eher finden mich die richtigen Bilder.
Was mir dabei immer wieder auffällt, ist die entspannte Atmosphäre überall. Autofahrer, die einen ungefragt über die Straße lassen. Finnen, die auf den ersten Blick schüchtern und zurückhaltend wirken und im persönlichen Gespräch dann sehr nahbar und offen sind. So sind in diesen Wochen viele neue Kontakte entstanden, und weit über 1500 Fotos.
Aus all diesen Schritten sind zwei Werkreihen gewachsen, und eine kleine Auswahl davon hängt jetzt im Kulttuurikonttori, dem Kulturhaus, in dem ich hier auch arbeiten durfte. Bei der Arbeit an der Hängung kam mir ein Gedanke: Ich möchte nicht nur einzelne Bilder zeigen. Wer mag, soll die ganze Geschichte der beiden Serien sehen können. Denn erst in der Serie erkennt man, was dahinterliegt: die Geschichte, die ich erzählen möchte, meine inneren Räume, die in den beiden Werkreihen Hidden Places und Heimat ihren Ausdruck finden.
Heimat ist die intuitive der beiden Serien: bewusst unkontrolliert, experimentell, um dem Gefühl des Moments auf die Spur zu kommen. Durch die Bewegung der Kamera während der Belichtung lösen sich die Formen der Landschaft, verdichten sich und verbinden sich neu. Was entsteht, kann ich nicht vollständig vorhersehen, und genau das interessiert mich. Heimat ist dabei kein geografischer Ort, sondern ein innerer Zustand, in dem Wahrnehmung, Erinnerung und Empfindung verwoben sind. Und die Bilder lassen dem Betrachter Raum für eigene Bilder.
Hidden Places ist das genaue Gegenteil und doch dieselbe Suche: sehr konstruktiv, bewusst suchend, die Flächen zu einer Komposition zusammenstellend. Menschenleere Orte, die sich im Vorbeigehen öffnen. Eine Treppe, eine Fassade, ein Hof, in dem das Licht für einen Moment kippt. Oft ist niemand zu sehen, und doch wirken die Orte nicht leer, sondern aufgeladen, als wäre gerade jemand gegangen oder als käme gleich jemand. Man weiß, was man sieht, und im nächsten Moment ist man sich nicht mehr sicher.
Unterschiedlicher können zwei Serien wohl nicht sein, und doch sind beide ein Teil von mir: meine inneren Räume, eingefangen auf ganz verschiedene Weise. Einmal komponiert und gebaut, einmal losgelassen und gefühlt. Die ausführlichen Geschichten beider Werkreihen stehen im Journal.
Unterschiedlicher können zwei Serien nicht sein, und doch sind beide ein Teil von mir.“Notiz aus dem Kulttuurikonttori
Doch mit der Hängung war die Arbeit nicht zu Ende. Eine Frage hat mich nicht losgelassen: Was passiert mit diesen Bildern, wenn ich wieder in Deutschland bin? Davon erzählt die nächste Geschichte.