Am Feuer, in einer Nacht, die keine wurde
In den letzten Tagen habe ich mehr neue Menschen kennengelernt als zu Hause in zwei Jahren. Manche davon ganz gezielt, die meisten durch Zufall. Wobei ich beim Schreiben merke, dass das Wort Zufall nicht ganz stimmt. Es war eher eine Kette von offenen Türen, und die erste davon wurde vor vielen Jahren in Hannover geöffnet.
Dort war ich beim Round Table 77, einem Serviceclub für Männer bis 40, dessen Idee 1927 in England entstand und dessen Motto bis heute drei Worte sind: Adopt, Adapt, Improve. Wer die Vierzig überschreitet, wechselt zu den Old Tablers, und die gibt es inzwischen in 37 Ländern. Über diesen Faden bestand seit Jahren Kontakt nach Lappeenranta in Ostfinnland, und über die Tabler dort kam ich an Ville und Rolf hier in Hämeenlinna.
Die beiden waren die ersten Besucher meiner Ausstellung, und sie haben mich aufgenommen, als wäre ich nie woanders gewesen. Genau dafür schätze ich dieses Netzwerk: Es ist kein Geschäftsverteiler, es ist ein persönliches Netz, das weit über die eigenen Grenzen reicht.
An diesem Abend war ich bei Rolfs Familie zum Essen im Garten eingeladen. Und dann kam der Abend, wie so oft hier, anders als gedacht: Pekka Kari und seine Frau schauten spontan vorbei, Freunde, die auch Rolfs Familie an diesem Abend zum ersten Mal traf. Wir saßen am Feuer, und irgendwann sprachen wir über Energie, über Aura, über Poesie.
Die eigentliche Überraschung war, was Pekka beruflich macht. Er ist Schauspieler, Autor und Heiler in einer Person. Im Sommer davor erschien sein Roman Pimeä ulottuvuus, auf der Bühne improvisiert er Monologe nach der Körpersprache seines Publikums, und als Therapeut arbeitet er mit Energie, mit Gefühlen, mit dem, was Menschen in sich haben. Auf dem Papier klingt das nach viel. Am Feuer saß einfach ein nahbarer, zugänglicher Mensch, wie ein guter Freund, den man lange nicht gesehen hat.
An diesem Abend ist mir etwas klar geworden, das ich lange nicht benennen konnte. Ich arbeite hier an meiner Serie Heimat, und ich habe Heimat nie an meinen Geburtsort oder ein Land gebunden. Für mich ist es das Gefühl, wo man sich zu Hause fühlt. Das Finnische hat dafür ein schönes Wort: Kotimaa, zusammengesetzt aus koti, dem Zuhause, und maa, dem Land. Das Wörterbuch definiert es als das Land, in dem jemand geboren ist oder das er sein Zuhause nennt. Dieses oder ist der ganze Unterschied.
Und als Pekka am Feuer über die Energie sprach, die allem innewohnt, wusste ich plötzlich, was ich in meinen Bildern so lange nicht beschreiben konnte: Es ist genau diese Energie, die ich selbst nicht sehen kann, die ich aber spüre, im Moment der Aufnahme. Mein innerer Antrieb, genau in diesem Moment, an diesem Ort, genau dieses Bild zu fotografieren.
Und das alles in einer Nacht, die keine wurde. Hämeenlinna liegt auf 61 Grad Nord, die Sonne ging kurz vor elf unter, und richtig dunkel wurde es danach nicht mehr, nur ein langes, warmes Dämmern bis zum Morgen. Die Finnen haben auch dafür ein Wort: yötön yö, die nachtlose Nacht. Eine magische Sommernacht, wie man sie nur selten erlebt, und ein sehr persönlicher Austausch mit einer Familie, die mich erst seit Tagen kennt, und mit Freunden, die an diesem Abend selbst welche wurden.
Ein paar Tage später schloss sich der Kreis noch einmal: Sami kam mit seiner Frau aus Lappeenranta zu mir in die Ausstellung. Ein Wiedersehen nach über zwölf Jahren, und es fühlte sich an, als hätten wir uns gestern zuletzt gesehen. Sami ist ein Verbinder von Menschen. Noch am selben Tag begann er, mir hier in Hämeenlinna Kontakte zu knüpfen, ein kleines Netz für das kommende Jahr, in einer Stadt, die mir vor zwei Wochen noch völlig fremd war. Was für ein Geschenk.
Vielleicht ist das die eigentliche Bilanz dieser Tage: so viele neue Menschen wie in den letzten zwei Jahren nicht. Nicht, weil ich danach gesucht habe. Sondern weil hier Türen offen stehen, wenn man selbst offen ankommt.
Eine Nacht, die keine wurde.“Notiz aus dem Garten, in der hellen Nacht