Ankommen im Norden
Mittags in Helsinki gelandet, unter bewölktem Himmel, dazu leichter Regen. Von dort ging es mit der Bahn eine gute Stunde nach Nordwesten. Kühl war es, und trotzdem hatte diese Ankunft ihre eigene Stimmung: weiches Grau über dem Land, die Stadt ruhig, ohne Eile. Die Unterkunft ist ein gelbes Haus an der Keinusaarentie, zwischen Theater und Schule, ein paar Schritte vom Wasser.
Wer die Stadt nicht kennt: Hämeenlinna liegt am See Vanajavesi, gut hundert Kilometer nördlich von Helsinki, und gilt als älteste Stadt im finnischen Binnenland. Über dem Wasser wacht die mittelalterliche Burg Häme, die der Stadt ihren Namen gibt, und in einem kleinen Holzhaus hier wurde 1865 Jean Sibelius geboren, der große Komponist Finnlands. Eine Stadt also, in der Geschichte und Kultur nicht ausgestellt wirken, sondern einfach da sind.
Und noch etwas verbindet: Hämeenlinna ist die finnische Partnerstadt von Celle. Genau diese Partnerschaft ist der Rahmen, in dem diese Residenz überhaupt entstehen konnte.
Ein Wort noch zu meiner Unterkunft, denn das kleine Haus hat eine größere Geschichte, als es zugibt. Von der Keinusaarentie aus wirkt es wie ein freistehendes Wohnhäuschen. Tatsächlich ist es der erhaltene Giebel des ehemaligen Kontor- und Verwaltungsgebäudes der Hämeenlinnaer Tuchfabrik, der Hämeenlinnan Verkatehdas. Gebaut 1907 im Jugendstil: heller Putz über rotem Ziegel, darüber der geschwungene Giebel mit dem rundbogigen Fenster, den schon Aufnahmen aus dieser Zeit zeigen. Im Erdgeschoss lag das Stofflager, in der Mitte die Büros der Fabrik, und ganz oben wurde gewohnt. Gewohnt wurde hier also von Anfang an.
Die Tuchfabrik selbst wurde 1895 gegründet und war das erste wirklich große Industrieunternehmen der Stadt. Aus anfangs 46 Beschäftigten wurden zeitweise rund 1300, produziert wurden vor allem Wollstoffe und andere Textilien. Elektrisches Licht gab es in der Fabrik, bevor Elektrizität in der übrigen Stadt allgemein verfügbar war. Das Kontor war dabei bewusst repräsentativer gestaltet als die nüchternen Hallen: Der helle Jugendstilgiebel zeigte zur Stadt und zur Straße, dahinter lagen die langen roten Fabrikgebäude mit Spinnereien, Websälen, Werkstätten und Lagern. Die bauhistorische Untersuchung beschreibt genau diesen Giebel als prägendes Element der Fassade.
1963 endete die Textilproduktion. Die Stadt Hämeenlinna kaufte das Gelände 1978 und baute es Stück für Stück für Kultur und Öffentlichkeit um: 2007 eröffnete der große Kultur- und Kongresskomplex Verkatehdas, 2010 kam das Theater dazu, dessen dunkle Bühnenarchitektur bewusst mit den historischen Fabrikbauten verbunden bleibt. Heute gehört das Ensemble zu einem national bedeutenden Kulturdenkmalbereich, zusammen mit den ehemaligen königlichen Getreidespeichern und dem Kunstmuseum. Ich wohne hier also nicht nur zwischen Theater und Schule. Ich wohne mitten in der Industriegeschichte dieser Stadt, in dem Haus, das ihr einmal das Licht angemacht hat.
Eingeladen hat mich die Kaputa Association, ein junger Kunstverein aus Hämeenlinna. Dahinter steht vor allem Minttu Saarinen, selbst bildende Künstlerin: In ihren Installationen und Bildern verbindet sie finnische Volkstradition und Mythen mit Erscheinungen der Gegenwart, und sie stellt weit über die Stadt hinaus aus. Sie hat diese Stadtkunstresidenz aufgebaut, die Unterkunft organisiert, das Programm geplant und mich am ersten Nachmittag persönlich in Empfang genommen. Die Residenz ist langfristig angelegt, auf drei Jahre, und sie hat eine Vorgeschichte: Zwischen der Künstlergruppe hier und dem BBK Celle, dessen Vorsitzender ich bin, gibt es einen regelmäßigen Austausch mit wechselseitigen Besuchen und Ausstellungen. Die Unterkunft finanziert die Stadt Hämeenlinna, die die Partnerschaft mit Celle als Rahmen für eine dauerhafte Kulturkooperation versteht.
Am Abend dann der erste Weg ins Kulttuurikonttori an der Lukiokatu 16, ein altes Holzhaus mitten in der Stadt, mit künstlergeführter Galerie, Laden, Kunstverleih und Kursen, täglich von 11 bis 18 Uhr geöffnet. Minttu hatte gewarnt: Den Eingang am Ende des Hauses findet beim ersten Mal niemand. Stimmt. Drinnen warten Minttu, Outi Anttila und einige Mitglieder des Finnisch-Deutschen Vereins von Hämeenlinna, der Suomi-Saksa-Yhdistys. Outi ist die Vorsitzende, spricht wunderbares Deutsch und gehört zu den Menschen, die diese Städtepartnerschaft seit Jahren mit Leben füllen. Es wird ein warmer erster Abend unter Menschen, die ich eben noch nicht kannte.
Am nächsten Morgen sitzen Minttu und ich über Ideen für die Residenz: Was will ich hier sehen, was will die Stadt zeigen, wo lohnt sich der zweite Blick. Danach hängen wir eine kleine Auswahl meiner Fotografien im Haus. Die eigenen Bilder an fremden Wänden zu sehen, in einem Land, das in einigen von ihnen selbst vorkommt: ein seltsam schöner Moment. Von jetzt an bin ich hier nicht mehr nur Gast, ein Stück Arbeit von mir wohnt schon da.
Und dann stehen in diesen ersten Tagen plötzlich Ville und Rolf in meiner kleinen Ausstellung. Bis dahin hatte ich die beiden nie gesehen, wir waren nur über ein paar Facebook-Nachrichten verbunden. Sie sind vom OT 18, einem Old-Tablers-Club hier in der Region. Round Table, das ist ein internationales Netzwerk junger Männer bis 40, das Freundschaft und Engagement über Grenzen hinweg verbindet, in Finnland organisiert als Round Table Suomi Finland. Und wer die 40 hinter sich hat, trifft sich in der Schwesterorganisation Old Tablers einfach weiter, so wie die beiden.
Ich bin selbst Tabler, und genau das ist das Schöne daran: Es braucht keine lange gemeinsame Geschichte. Eine Nachricht, ein Name, ein gemeinsamer Geist, und plötzlich bist Du kein Fremder mehr in einer fremden Stadt. Für mich begann das vor Jahren mit Besuchen bei unseren Freunden vom Round Table in Lappeenranta, und es geht hier in Hämeenlinna einfach weiter. Dieselbe Wärme, dieselbe Gastfreundschaft, über Ländergrenzen und Sprachen hinweg. Danke, Ville und Rolf. Ihr habt aus einem gewöhnlichen Tag etwas gemacht, an das ich mich erinnern werde.
Den Eingang findet beim ersten Mal keiner.“Minttus Wegbeschreibung, Tag 1