Notiz · 4. Juli 2026
[ku] 20/26 Kunst
Wie aus einem realen Waldstück über hundert Wesen wurden.
Ein Wesen aus der Gattung Fremde Ordnung, fotorealistisch angelegt · EDEN, Roman Thomas
EDEN sieht aus wie ein Fund im Wald. Entstanden ist es in vielen Schritten, aus echten Fotografien, über hundert erfundenen Wesen und einer ganzen Werkbank von KI-Modellen, jedes für seinen Zweck.
Warum ich zeige, wie es entstand
Im anderen Beitrag habe ich geschrieben, worum es in EDEN geht. Hier geht es darum, wie es entstanden ist. Ich zeige das, weil die Serie sonst leicht missverstanden wird. EDEN ist kein Knopfdruck und kein einzelner Filter. Es ist ein langer Weg aus dem Wald hinein in die Maschine und wieder zurück in den Wald.
Alles beginnt mit einer echten Aufnahme
Am Anfang steht kein Prompt, sondern ein Baum. Ich gehe in den Lüß bei Unterlüß und fotografiere mit Mittelformat, langsam, im vorhandenen Licht. Totholz, feuchte Rinde, Moos, Pilzkonsolen, der Boden aus altem Laub. Diese Aufnahmen sind nicht Kulisse, sie sind das Fundament. Alles, was später an fremdem Leben dazukommt, sitzt auf diesem realen Licht und dieser realen Materie.
Über hundert Wesen, eine nach der anderen
Bevor ein einziges Waldbild fertig war, ist eine ganze Flora entstanden. Über hundert einzelne Wesen, jedes für sich fotorealistisch angelegt, wie Studien vor einem neutralen oder waldnahen Grund. Sie sind nicht wahllos. Sie ordnen sich in Gattungen, ähnlich wie in einer echten Systematik. Tiefsee-Botanik, Schwebewesen, Pilzwesen und Fruchtkörper, Membranfarne, Mimikry, die sich als Rinde oder Flechte tarnt, und eine Gruppe, die ich schlicht Fremde Ordnung nenne.
Manche sind fast glaubhaft, andere sichtbar fremd. Ein paar sind so zurückhaltend, dass man zweimal hinsehen muss, ob überhaupt etwas da ist. Genau diese leisen mag ich am liebsten.
Nicht ein Programm, sondern eine Werkbank
Hier ist mir ein Punkt wichtig, den viele unterschätzen. Ich habe nicht ein KI-Programm benutzt, sondern viele, und jedes für seinen Zweck. Das eine Modell ist stark in fotografischer Materialität und Licht, ein anderes hält anatomisch Heikles aus, ein drittes ist gut in feinen Strukturen, wieder ein anderes im Hochrechnen von Details. Selbst die Wahl des Modells war der Situation angepasst, so wie man in der Fotografie nicht mit einem einzigen Objektiv arbeitet.
Dazu kommen eigene Rezepte, die ich mir über die Zeit gebaut habe, ein Set von Vorgaben je Gattung, damit ein Schwebewesen anders entsteht als ein Fruchtkörper. Es ist mehr Werkstatt als Knopfdruck. Ich verwerfe viel. Das meiste, was die Maschine anbietet, landet im Papierkorb, bis das übrig bleibt, was ich im Kopf hatte.
Zurück in den Wald
Der eigentliche Schritt kommt danach. Die Wesen wandern zurück in die realen Aufnahmen. Sie werden ins Licht des Waldfotos gesetzt, in die Feuchte, in den Schatten, bis die Naht zwischen echt und erfunden trägt. Manchmal soll man sie kaum sehen, halb im Moos, halb schon woanders. Erst dann ist es ein EDEN-Bild und nicht nur ein hübsches Einzelwesen.
Ein Teil der Flora habe ich zusätzlich in Bewegung gebracht, kurze, ruhige Studien, in denen ein Wesen atmet, sich öffnet oder schwebt. Auch das lief über mehrere Bewegungsmodelle, die ich gegeneinander habe antreten lassen, bis eines die Ruhe hatte, die ich wollte.
Zum Abspielen antippen, der Ton gehört dazu.
Das Herbarium als zweite Richtung
Neben den Waldbildern habe ich dieselbe Flora offen hingelegt, als Herbarium. Studienblätter, die aussehen wie aus einem alten botanischen Atlas, mit Wurzel, Blatt und Schnitt. Im Wald begegnet man den Wesen flüchtig, auf den Blättern liegen sie klar vor einem. Dieselbe erfundene Natur aus zwei Richtungen, einmal im Verschwinden, einmal im Festhalten. Mehr dazu im eigenen Beitrag Ein Atlas für eine Natur, die es nicht gibt.
Zu sehen ist EDEN ab diesem Wochenende in der Ausstellung QUO VADIS ARS. Ist KI das Ende der Kunst? im Albert-König-Museum Unterlüß, vom 5. Juli bis 11. Oktober 2026.