Ein Tag mit Terho, der jeden zu kennen scheint
Heute hatte ich wieder das Glück, mit Terho Aalto unterwegs zu sein, der Fotografen-Legende von Hämeenlinna. In einer fremden Stadt, in einer Sprache, die man nicht versteht, ist es ein Geschenk, einen Menschen an der Seite zu haben, der jeden zu kennen scheint. Und Terho kennt wirklich jeden. Von unserer ersten gemeinsamen Tour, in die Tuijametsä, erzählt die vorige Geschichte.
Heute ging es um Handfestes. Terho besuchte mich in der Ausstellung, und als ich erzählte, dass ich im Internet nach einer Druckerei für meine hier entstehenden Werke suche, griff er einfach zum Telefon und rief beim lokalen Fotohändler an. Raatikuva heißt der Laden, seit 1987 in der Stadt, gegründet von Heikki Löflund, der als Junge mit der Kodak Brownie seines Vaters fotografierte und heute mit seinem Sohn Teemu den Laden führt. Fotozubehör, Filmentwicklung, und mitten im Laden ein großer Epson FineArt-Drucker, wie man ihn sonst eher in einer Großdruckerei vermuten würde. Wir fuhren hin, alles wurde kurz auf Finnisch besprochen, und die Sache war klar.
Danach ging es zur Rahmenmacherin seines Vertrauens. Anu Halmeniemi betreibt RaamiDaamit, eine Einrahmungswerkstatt mit einer Kleingalerie, sechs kleine Ausstellungsräume unter einem Dach, bis hinunter in den Keller. Wie in vielen Städten steht auch in Hämeenlinna manches Ladenlokal leer, und Anu hat daraus eine Tugend gemacht und so einen Leerstand mit Leben gefüllt. Nach nicht einmal zehn Minuten hatte ich alles, was ich für Produktion und Präsentation meiner Werke brauche.
Und eine Einladung obendrauf: Am nächsten Tag eröffnet bei ihr Skarpit at Hämpton, die Jahresausstellung der finnischen Karikaturisten- und Pressezeichner-Gilde. Dass sich daraus später am Tag noch ein Kreis schließen würde, wusste ich da noch nicht.
Dann fuhren wir ins finnische Nirgendwo, eine halbe Autostunde hinaus, nach Launonen in der Gemeinde Loppi. Freunde von Terho veranstalteten dort einen pihakirppis, einen Hof-Flohmarkt, wie ihn hier im Sommer viele Höfe machen. Vor einem gelben Holzhaus standen Möbel, Kleider und Geschirr im Gras, und ich traf Eeva Wornell, die mich gleich auf Deutsch ansprach.
Sie hat 1970 ihr Designdiplom in Pforzheim gemacht und einige Jahre in Deutschland gelebt. Seit den Siebzigern macht sie Schmuck und kleine Skulpturen aus dem, was die Natur und der Alltag übrig lassen. Wir würden vermutlich Müll dazu sagen oder komisches Zeug. Sie sagt: Die Geschichte eines alten, weggeworfenen Gegenstands ist oft faszinierender als die eines neuen.
Das Haus selbst gehörte der Familie einer Freundin von Terho, ihr Vater war der Maler Seppo Tamminen, und man sah dem Ort an, dass er voller Geschichten steckt: innen Wände voller gerahmter Bilder, draußen die rote Scheune, ein Hund im Kies. Auf der Rückseite hatte die Familie für diesen Tag ein kleines Café aufgebaut, hausgemachter Kuchen, Kaffee, und von der Terrasse ein weiter Blick in die Landschaft.
Seppo Tamminen, geboren 1944 in Helsinki, gestorben 2012, war einer dieser Künstler, die sich in keine Schublade stecken lassen. Er begann in der Dekorationsabteilung des Kaufhauses Stockmann und machte nebenbei Schmuck aus Bronze und Messing, dessen Formen aus der Natur und der finno-ugrischen Volkskunst kamen. Rund 25 Jahre lang fertigte er Einzelstücke von Hand, die finnische Presse feierte ihn zeitweise als internationale Schmucksensation der Siebziger. Später kamen kleine Skulpturen dazu, Collagen und seine kurkistuskaapit, Guckkästen, in denen er Räume, Figuren und rätselhafte Ereignisse wie auf einer winzigen Theaterbühne inszenierte.
In den Achtzigern zog er aufs Land, erst in eine ehemalige Dorfschule in Loppi, später ins historische Hüttenviertel bei der alten Glasfabrik von Riihimäki, zuletzt in das alte Gutshaus Santamäki in Launonen, eben jenes Haus, auf dessen Hof wir heute zwischen den Ständen standen. Seine Lebensräume gestaltete und restaurierte er selbst, Haus, Atelier, Sammlung und Kunst waren bei ihm kaum voneinander zu trennen. Das war an diesem Tag noch überall zu spüren.
Bekannt ist Tamminen heute vor allem für seine Gouachen: gegenständlich, detailreich, fast immer erzählend. Das Helsinki seiner Kindheit in den Fünfzigern, Schiffe und Expeditionen, Innenräume, der Alltag in Loppi. Oft baute er sogar die Rahmen selbst und behandelte sie als Teil des Werks. Man zählt ihn zum finnischen Naivismus, und die einfache Perspektive, die klaren Figuren, das Märchenhafte sprechen dafür. Mir greift das zu kurz. Seine Bilder wirken auf mich weniger wie Abbilder als wie rekonstruierte Erinnerungsräume: Größen stimmen nicht, Perspektiven kippen, Zeiten schieben sich ineinander. Entscheidend ist nicht, wie ein Ort ausgesehen hat, sondern wie er sich in der Erinnerung anfühlt. Seine Werke selbst kann ich hier aus Rechtsgründen nicht zeigen, aber die Galerie G12 führt einige seiner Grafiken, der Link steht unten.
Seine Tochter Vilja hat sinngemäß gesagt, er habe Licht in die Dunkelheit und Farbe in das Grau bringen wollen. Seine Werke hängen heute unter anderem in den Kunstmuseen von Riihimäki, Helsinki und Oulu und in der finnischen Staatssammlung, kurz vor seinem Tod erhielt er 2012 eine Auszeichnung für sein Lebenswerk. Und der Kreis schließt sich: Sein Kindheitsfreund Osmo Leivo hat über ihn das Buch Ystävyydellä, Seppo Tamminen geschrieben, in Freundschaft. Genau dieses Buch habe ich von diesem Hof mitgebracht.
Man sah dem Haus an, dass es voller Geschichten steckt.“Notiz aus Launonen
Viel Zeit blieb uns nicht, denn in der Stadt wartete schon die nächste Verabredung. Davon erzählt die nächste Geschichte.